Bilal
Leben und Sterben als Illegaler

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Das Theaterstück beschränkt sich auf die Situation in Dirkou, einer Oase, die zu einem Knoten- und Wende-
punkt geworden ist. Die Oase ist ein Unort, Station auf einer Reise, die noch lange nicht zu Ende ist. Wer hierher kommt, will weiter. Die Helden der Odyssee quer durch Afrika genauso wie ihre Peiniger. In Dirkou wollen alle nur eines: So schnell wie möglich wieder weg.
Doch nur den wenigsten gelingt dies auch. Die Flüchtlinge, die es bis hierher geschafft haben, können nicht mehr zurück und sind noch lange nicht am Ziel. Hier versammeln sich diejenigen, die vom Exodus der Reisenden profitieren, Schlepper, Polizisten, Militärs, hier stranden die vielen, die zu leichtgläubig, zu schwach und zu arm sind, um die Reise zu überstehen, und hier landen diejenigen, die das Ziel zwar erreicht haben, aber von Italien - von Europa - zurückgewiesen und erbarmungslos wieder ausgeschafft werden.
Hauptfigur des Stücks ist der Journalist Fabrizio Gatti, der am eigenen Leib erleben will, was es bedeutet, als Illegaler unterwegs nach Europa zu sein.

Das Stück kann beim Bühnenvertrieb Gustav Kiepenheuer bestellt werden.


Szenenausschnitt
...
Catherine
Warum interessieren Sie sich für diese Leute?
Gatti
Mich interessieren ihre Geschichten.
Catherine (misstrauisch)
Was wollen Sie damit?
Gatti
Ich sammle Geschichten und verkaufe sie. (lacht und winkt ab) Was wollen Sie?
Catherine (vorsichtig, aber voller Stolz)
Ich will nach Europa, und ich möchte Sie fragen, ob Sie mich mitnehmen? - Ich heiße Catherine und stamme aus Kamerun. - Morgen habe ich Geburtstag.
Gatti
Herzlichen Glückwunsch.
Catherine
Kommen Sie aus England?
Gatti
Nein. Seh’ ich so aus?
Catherine
Ich gehe nach Italien. – Ich habe keinen Mann.

Gatti lacht.

Catherine
Vor zwei Wochen bin ich hier angekommen. Ein Soldat hat mir den Pass weggenommen, und der LKW ist ohne mich weiter gefahren. - Aber ich habe Glück, ich kann hier arbeiten. Ich bekomme 10 000 Francs. - Genauso viel wie ich im «Kamerun-Haus» bezahlen muss, damit ich auf dem Boden schlafen darf.
Gatti
Kamerun besitzt ein Haus hier?
Catherine
Nein, das Haus gehört Schleppern, heißt es, aber ich muss nicht im Busbahnhof übernachten. - In Kamerun habe ich Informatik studiert und mein Diplom gemacht. - Ich habe fünf Geschwister, alles Brüder. Mein jüngster Bruder ist sechzehn. Ich habe als Angestellte gearbeitet. - Ich habe im Monat 60 000 Francs verdient. Aber das reicht nicht. Ich habe beschlossen wegzugehen. - Eine Freundin hat es bis nach Florenz geschafft. Ich weiß nicht wo, aber heute lebt sie in Italien.

Catherine verstummt.

Gatti
Und wovon leben Sie?
Catherine (zögernd)
Der Chef hier. Ich kann essen, ohne zu bezahlen.
Gatti
Und wie wollen Sie das Geld für die Reise zusammenbringen?

Catherine schweigt.

Gatti
Ich stelle mir das sehr schwer vor. - Was verlangt der Soldat, damit Sie Ihren Pass wieder bekommen?
Catherine
Ich könnte in einer Woche aufbrechen. Ich muss nur zu einem Schlepper oder in eines ihrer Büros. Es gibt einen Arbeitsvertrag für Italien oder Deutschland und man unterschreibt. Aber ich bin eine unabhängige Frau. Wenn ich genügend Trinkgeld habe, fahre ich weiter. - Meinen Pass hab’ ich schon zurück gekauft.

Catherine geht wieder ihrer Arbeit nach.

Gatti
Catherine? Eine Frage. Auf der anderen Straßenseite sitzen zwei Männer, die mich offensichtlich beobachten. Haben Sie eine Ahnung, wer sie sind und was sie wollen?
Catherine
Es kommt selten vor, dass ein Weißer sich für Dirkou interessiert. – Ihre Freunde haben recht. Was Sie machen, ist gefährlich.
...

...
Gatti
Hallo? Ist hier jemand? – Ich möchte zu Sophie.

Gekicher und Geflüster.

Gatti
Ich suche Sophie.
Sophie
Du? – Komm!

Sophie zieht Gatti an Gaffern vorbei in ihren Verschlag, schlüpft aus ihren Flipflops und legt sich auf eine Plastikplane. Sie schaut Gatti wortlos an. Wenn er etwas sagen will, legt sie einen Finger auf den Mund. Sie kramt unter der Matte nach einer Packung Papiertaschentücher und knöpft sich die Bluse auf. Gatti schüttelt den Kopf.

Gatti (flüsternd)
Sophie, nein, ich bin kein Kunde, ich. Du brauchst dich nicht auszuziehen. – Ich brauche deine Hilfe.

Sophie schaut Gatti überrascht an, dann steht sie auf und will gehen.

Gatti (flüsternd)
Du brauchst keine Angst zu haben. Warte! Ich bezahle dich. Mehr, als du normalerweise bekommst. – (laut) Hier, bezahlt wird vorher, ich weiß. - Den Rest kannst du behalten. – (flüsternd) Ich möchte dich ein paar Dinge fragen.

Sophie setzt sich wieder hin.

Gatti (flüsternd)
Hör zu! Du musst laut sagen, was du normalerweise sagst. Die da draußen sollen glauben, dass wir Sex haben. Verstehst du?
Sophie (flüsternd)
Und was soll ich sagen?
Gatti (laut) Ganz schön heiß hier, Baby.

Gekicher und Getuschel der Beobachter.

Gatti (flüsternd)
Das Übliche. Das, was du allen sagst. Was weiß ich. Mit oder ohne Kondom.
Sophie (flüsternd)
In Dirkou gibt es keine Kondome.
Gatti (laut)
Hast du es schon einmal mit einem Italiener gemacht? (flüsternd) Wo finde ich deine Schlepper? Kennst du ihre Namen?

Sophie (laut lachend, sie hat das Spiel verstanden)
Nein, nein, du bist nicht der erste hier, der einen weißen Arsch hat.
Gatti (flüsternd)
Hast du verstanden, was ich dich gefragt habe.
Sophie (laut)
Hehe Italiener! Nicht so stürmisch, Alter.

Sophie schreibt einen Namen in den Sand.

Sophie (laut)
Halt! Ich will keinen Zungenkuss.
Gatti (flüsternd) Madame Hope?

Sophie nickt und wischt den Namen wieder aus.

Sophie (laut)
Warte! So warte doch, bis ich ausgezogen bin.
Gatti (flüsternd)
Wo find ich sie?
Sophie (laut)
Nein, du Dummkopf. So werde ich ja voller Sand.
Gatti (flüsternd)
Ist Dirkou ihre Basis?
Sophie (laut)
So, jetzt kannst du dich ausziehen, mach! – (Sophie schreibt in den Sand und wischt es wieder aus, dann flüstert sie) Mehr weiß ich auch nicht. - Stöhn ein bisschen, sonst glauben sie, du bist ein Fisch.

Sophie und Gatti stöhnen, Gekicher und Getuschel der Beobachter.

Sophie (laut)
Musst du gleich gehen oder kannst du noch bleiben? Soll ich dir etwas zu trinken bringen.
Gatti
Ich habe Zeit. Wir können noch ein bisschen plaudern.
Sophie
Plaudern? Oh Mann, Quatschen kostet extra.
Gatti
Bei dir gibt’s wohl nichts umsonst! - Gut, gut, ich bezahle ja. (flüsternd) Sag was!
Sophie (laut)
Wie ist es bei dir zu Haus?
Gatti (laut)
Kühle Tage, warme Nächte.
Sophie (laut)
Das ist gut. Besser als in diesem Scheißort. Tagsüber ist es heiß und nachts friert man sich den Arsch ab.
Gatti (laut)
Wohin gehst du nach Dirkou?
Sophie (laut)
Nach Italien, nach Deutschland, ich weiß es nicht. Nach Europa, wenn ich das hier überlebe. - Kannst du mich nicht mitnehmen? Jetzt, da du weißt, wie gut ich bin?
Gatti (laut)
Ich fahre zurück nach Agadez.
Sophie
Da war ich schon. Ich kehre nicht um, nie. – Ich hoffe nur, dass ich nicht krank werde. – Du musst jetzt gehen.

Sophie führt Gatti hinaus.

Sophie
Danke Baba. Wenn du mich brauchst, du bist willkommen. Wann immer du willst.

Gekicher und Getuschel der Beobachter. Gatti verlässt Sophies Haus, vor dem Yaya auf ihn gewartet hat.
...



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