Gynt

Textprobe

Das Theater, in dem Anitas Schüler probten, war eine stillgelegte Fabrik. In einer Halle hatte sich im Lauf der Jahre ein Theater etabliert, das sich als «Alte Fabrik» im Veranstaltungskalender der Stadt einen festen Platz erobert hatte.
Anita machte ihn mit ihren Kollegen bekannt.
Severin, Anitas Parallellehrer, begrüsste ihn herzlich und mit einem Augenzwinkern, als hätte Jakob bereits zugesagt, die Rolle des alten Gynt zu spielen. Eine junge Frau stellte sich als Assistentin vor, ohne zu verraten, wem sie denn nun assistierte. Ein Mann Mitte Fünfzig mit wirrem Haar und einem zerknitterten Schal gab sich wie ein Künstler, war dann aber doch eher ein Turnlehrer, und einen dürren Lulatsch mit kantigen Gesichtszügen, der in einer Ecke mit hochgezogen Augenbrauen in einem Textheft blätterte, hielt er für eine Art Auf-
passer. Vielleicht der Hauswart des Theaters.
Und wo waren die Schauspieler, von denen seine Tochter gesprochen hatte?
Den Schülerinnen und Schülern präsentierte ihn Anita als Schau-
spieler, der sie gebeten habe, bei ihren Proben zuschauen zu dürfen. Zufällig ihr Vater. Die Jugendlichen lachten und klatschten. Davon, dass er vielleicht bei ihnen mitspielen würde, sagte sie nichts.
Die Proben begannen mit einem Training, an dem zu seiner Über-
raschung auch seine Tochter teilnahm. Der Mann mit dem Schal, der sich ihm als Felix vorgestellt hatte, leitete das Training, das seiner Meinung nach nichts mit Theater zu tun hatte. Die Schüler gingen im Kreis herum. Wenn Felix pfiff, blieben sie stehen. Wenn er in die Hände klatschte, setzten sie sich auf den Boden. Wenn er die Schlüssel eines Schlüsselbundes klirren liess, machten alle rechtsumkehrt. Wenn er wie eine Ziege meckerte, mussten sie rückwärts gehen. Manchmal schrie er, sie müssten den ganzen Raum füllen, und wenn zwei miteinander lachten oder ein paar Worte wechselten, brach er die Übung ab und verlangte Ruhe.
Danach wurden die Darsteller in Gruppen aufgeteilt und sollten an den verschiedenen Szenen des Stücks arbeiten. Fast alle verliessen die Halle. Zurück blieben nur gerade drei Jugendliche, der Kantige und die Assistentin. Seine Tochter setzte sich mit einem Textheft zu ihm. Es sei gut, dass er gerade heute gekommen sei. Auf der Bühne werde der Schluss des Stücks geprobt, und so sehe er gleich einmal, was ihn erwarte, wenn er in ihr Projekt einsteigen wolle.
«Nach der Probe kannst du ja einmal mit Daniel reden.»
«Daniel? Da der Kantige? Das ist euer Schauspieler?»
Sie schaute ihn überrascht an und schmunzelte.
«Daniel Tauber. Er ist sensibler, als er aussieht.»
Auf der Bühne versammelte der Regisseur, den er für den Hauswart gehalten hatte, seine Schauspieler und bat sie, die Szene erst einmal zu lesen.
Auch hier ging es ums Alter, aber im Gegensatz zu «Indian Summer» mitleidlos. Ohne jede Sprengkraft. Der Tod schnappte sich einen Kandidaten.
Er gab sich als Knopfgiesser aus, der Fehlgüsse abholte, um sie einzuschmelzen, damit aus dem gesammelten Material neue Knöpfe gegossen werden konnten. Eine ziemlich verschrobene Idee. Aber der Auftraggeber des Knopfgiessers war ein sparsamer Schöpfer, ein Knicker, der seinen Geschöpfen keine Freiheit liess. Peer Gynt war ein alter Mann, der immer noch um die Frage kreiste: Wer bin ich? Einer, der mal dies, mal das versucht, aber immer wieder schlapp gemacht hatte und allem ausgewichen war. In seiner Jugend ein übermütiger Tunichtgut, im Alter ein bornierter Esel.
Die Diskussion, die der Kantige anschliessend mit den jungen Darstellern führte, rührte ihn. Vorbehaltlos unterstützten sie die Thesen des Knopfgiessers. Einer behauptete sogar, Peer Gynt habe von allem Anfang immer nur die falsche Frage gestellt.
«Wer bin ich? Das ist doch nicht entscheidend. Es geht um Selbsterkenntnis. Und das ist etwas anderes. Nicht die subjektive Eigenwahrnehmung ist entscheidend, sondern Objektivität», zitierte er wichtig eine Weisheit aus dem Internet. «Die eigene Person im Kontext mit der Welt. Und darum muss die Frage heissen: Wer bin ich für andere?»
«Keiner kann aus seiner Haut», mischte sich Jakob zur Überraschung aller ein. «Womit ich nicht sagen will, dass sich die eigene Haut nicht ständig verändert. Wir sind mit achtzig nicht mehr, was wir mit zwanzig waren, und dazwischen gibt es unzählige Häutungen.» Ohne in seinem Redefluss nachzulassen, stand er auf und zwängte sich durch die Stuhlreihen nach vorn. «Unser Problem ist doch, dass wir uns dabei nicht zuschauen können. Und darum stellt sich auch die Frage: Wer bin ich? immer wieder neu. Und irgendwann bekommt sie eine zusätzliche und bittere Dimension. Wenn es plötzlich heisst, wer bin ich, wenn ich nicht mehr bin?»
Die Schüler wunderten sich über seinen Wortschwall, waren aber zu höflich, um ihn zu unterbrechen.
«Wer bin ich mit 14? Mit 21? Mit 30? Mit 77? Erst wenn wir darauf eine Antwort gefunden haben, wenn wir mit uns im Reinen sind, können wir andern raten. – Es erinnert mich an den Bibelspruch: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. - Wie dich selbst. Wer möchte denn von jemandem geliebt werden, der nicht einmal sich selber liebt?» Und um das Mass voll zu machen, zeigte er auf die Darstellerin der Solveig und fügte hinzu: «Was ist das für ein seltsames Opfer? Ein Leben lang auf die Rückkehr eines Mannes zu warten, der sie offensichtlich im Stich gelassen und verraten hat. - Ich glaube, dass sie nicht umsonst mit Blindheit geschlagen ist.»
Daniel Tauber grinste, die beiden jungen Männer schüttelten entrüstet die Köpfe, und die Darstellerin der Solveig sagte bissig:
«Wahre Liebe ist selbstlos. Sie fragt nicht nach dem Nutzen. Oder ob sie erfüllt wird oder nicht. Das weiss, wer richtig liebt.»
«Vielleicht liebt sie nur ihre eigene Verliebtheit?», unterstützte der Kantige Jakob. «Peer ist nur eine Projektionsfläche. Eine alte Erinnerung, die in ihr weiterlebt. Den wahren Peer kennt sie gar nicht.»
«Und warum erkennt sie ihn dann?», triumphierte Solveig.
«Weil es immer die Liebe ist, die den Tod besiegt», sagte der Darsteller des Knopfgiessers und machte dem Streit ein Ende.

Nach einer Pause bat Daniel seine Leute, die Szene zu spielen, und Jakob setzte sich wieder neben seine Tochter.
Vor allem der Darsteller des Knopfgiessers überzeugte ihn. Er hatte sich in ein schwarzes Tuch gehüllt und stellte sich Peer Gynt immer wieder in den Weg. Es wirkte sehr dramatisch, wie er seinen Umhang wehen liess, die schwungvollen Drehungen, die Peer überraschen sollten.
Doch Tauber reklamierte. Das grossartige Getue - die unmotivierten Drehungen und die Posen eines «Schwarzen Reiters» - hätten mit der Figur des Knopfgiessers nichts zu tun. Das sei einer, der immer schon da sei, einer, der ohne Pomp und Geschrei beinah lautlos aus dem Schatten trete. Hartnäckig verstelle er einem den Weg und lasse sich nicht beiseite drängen.
Nun schlich der Knopfgiesser geduckt und langsam in weit ausholenden Schritten auf der Bühne herum, um dann wie ein Pilz aus dem Boden zu schiessen.
Das sah sehr komisch aus und Jakob lachte. Daniel kritisierte:
«Du spielst Rumpelstilzchen. – Vergiss deinen Mantel, das ganze Drumherum. Spiel nicht, warte. Warte auf Gynt. Wie er auf die Wegkreuzung zukommt», und zum Darsteller Peer Gynts sagte er: «Du brauchst gar nicht zu erschrecken. Du weißt nicht, was diese Klappergestalt von dir will. Wieso solltest du vor ihr Angst haben?»
Die beiden Spieler nickten und begannen im Zickzack auf der Bühne hin und herzugehen. Nach einer halben Ewigkeit steckten sie die Köpfe zusammen und der Knopfgiesser präsentierte seine Kelle. Aber der Knopfgiesser war viel zu leise, Peer schien nicht zu begreifen, wer vor ihm stand, und vor der Szene mit Solveig wurde immer abgebrochen.
Da hatten ihm die tollkühnen Sprünge besser gefallen. Aber der Kantige war zufrieden.
«Laut sind Schauspieler, wenn sie kaschieren wollen, dass sie nicht verstehen, was sie sagen. Das Faszinierende im Theater ist, wenn der Zuschauer Menschen beim Denken zuschauen kann. Denkt langsam. Leise.»
Die Jugendlichen frassen dem Regisseur aus der Hand. Die Szene wurde noch drei weitere Male gespielt, endlich auch die Begegnung zwischen Solveig und Peer. Die Dialoge wurden lebendiger. Der Knopfgiesser begann ihn zu interessieren, dieser Beobachter, der immer wieder aus dem Dunkeln auftauchte und sich in eine bedrängende Frage zu verwandeln schien.
Dann wollten die Jugendlichen wissen, wie ihm die Szene gefallen habe.
«In der Schauspielerei steht und fällt alles mit der Bühnenpräsenz. Die hat jemand, oder eben nicht. Ich stelle immer wieder fest …»
«Was erzählen Sie da?», unterbrach ihn Tauber verärgert. «Wollen Sie meine Leute verunsichern? Wozu probieren wir denn?»
«Ich wollte nur sagen, dass mir sehr gefällt, was ihr da macht», korrigierte er sich, griff nach Schal und Mantel und verabschiedete sich. «Ihr entschuldigt. Probe. Ich muss ins Theater.»

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Gynt
Limmat Verlag 2011

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