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Hereinspaziert
ein Stück Migration

[ Stück ] [ Uraufführung ] [ Kritik ]

Auf der Bühne wird gekocht. Ausländerinnen und Ausländer, die seit Jahren in der Schweiz leben, einige möchten einge-
bürgert werden, andere nicht, treffen sich, um ein Essen für Gäste vorzubereiten. Sie rüsten Gemüse, braten an, es zischt und dampft. Die Zuschauer sehen, hören und riechen, was ihnen nach 90 Minuten aufgetragen wird. Die Köche erzählen, warum und wie lange sie schon in der Schweiz leben, was für Pläne sie haben,was sie an der Schweiz schätzen, was sie stört.
Rund um die Küche spielen zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler in wechselnden Rollen drei Geschichten von Asylbewerbern und Beamten, die diese in Empfang nehmen und deren Anträge bearbeiten. Einem Mann aus Kosovo hat man geraten, sag einfach immer «Ja», damit fährst du in der Schweiz am besten. Ein Georgier glaubt, die beste Strategie sei Hartnäckigkeit, mehrfach abgewiesen, kehrt er immer wieder zurück und versucht sein Glück aufs Neue. Und eine junge Frau aus Nigeria scheint einfach nur froh zu sein,dass ihre lange Reise ein zumindest vorläufiges Ende hat.
Die drei Geschichten stehen für Tausende ähnlicher Schicksale, über die in den Medien täglich berichtet wird. Im Gegensatz zu den Koch-
szenen geht es in den Spielszenen nicht um individuelle Biografien. Es werden Mechanismen vorgeführt, die Polizisten, Beamte und alle Beteiligten vor Aufgaben stellen, für die es keine schnellen Lösungen gibt. Auch von uns Normalbürgern wird berichtet. Von Ängsten und Vorurteilen, welche die Zuwanderung von Menschen aus der ganzen Welt auslöst.
Das Stück «Hereinspaziert» zeigt, wie schwierig der Weg der Hoffnung ist, und was es bedeutet, in einer andern Kultur ein neues Zuhause zu finden.

Das Stück kann beim theaterverlag ELGG bestellt werden.


Textbeispiele

Sterne zählen
Chidima steht am Fenster und schaut in den Frauen- und Kinderhof des Empfangzentrums. Olga, eine Betreuerin, spricht mit ihr.
Chidima
687.
Olga
Was?
Chidima
Sterne. 687 Sterne
Olga
Du zählst die Sterne. In der Nacht, die Sterne am Himmel.
Chidima
Nein. Am Tag.
Olga
Chidima! – So kann das nicht weitergehen, Chidima. Du sonderst dich ab, du sitzt den ganzen Tag im Zimmer, du sprichst nicht. Was machst du denn die ganze Zeit?
Chidima
Nichts.
Olga
Was nichts, du kannst doch nicht zwölf Stunden und länger einfach nichts machen. Warum beschäftigst du dich nicht, warum liest du nichts?
Chidima
Warum.
Olga
Ja, warum?
Chidima
Weil ich nicht lesen kann.
Olga
Chidima. Du bist doch zur Schule gegangen, du …
Chidima
Ja, aber nicht lange. Ich kenne die Wörter nicht.
Olga
Entschuldige, Chidima, entschuldige. – Aber du könntest sie doch lernen. Du musst doch etwas machen, überleg doch mal, alle machen etwas, jeder und jede macht sich Gedanken, wie es weitergeht, warum du hier bist.
Chidima
Ich überlege auch.
Olga
Schön Chidima. Und was überlegst du? – Was denkst du?
Chidima
Nichts. Ich schaue.
Olga
Du schaust.
Chidima
Ich schaue aus dem Fenster.
Olga
Und was siehst du?
Chidima
Frauen. Die Frauen und ihre Kinder im Hof. Ich beobachte sie.
Olga
Aha. Und warum? Warum gehst du nicht zu ihnen?
Chidima
Ich kann nicht.
Olga
Warum kannst du nicht?
Chidima
Ich kann nicht.
Olga
Warum?
Chidima
Weil ich nicht mit ihnen spielen darf.
Olga
Du darfst nicht mit ihnen spielen?
Chidima
Ja. Darum stehe ich am Fenster und schaue. Ich spiele mit den Augen. Damit sie mich sehen. Wenn sie winken.
Olga
Sie winken?
Chidima
Nein.
Olga
Und Du? Winkst du?
Chidima
Nein.
Olga
Warum nicht?
Chidima
Weil es verboten ist.
Olga
Chidima. Und warum bleibst du dann am Fenster stehen?
Chidima
Um zu zählen.
Olga
Was, um zu zählen? - Was zählst du denn?
Chidima
Die Sterne.
Olga
Jetzt, kurz vor Mittag. – Chidima, es sind doch gar keine Sterne zu sehen.
Chidima
Doch. 687.
Olga
Wie sehen sie denn aus, deine Sterne?
Chidima
Wie Sterne. Es gibt grosse und kleine, und ganz kleine.
Olga
Aha. Und sie leuchten?
Chidima
Vielleicht. Ich weiss nicht.
Olga
Du weißt es nicht, aber du kannst sie zählen. – Welche Farbe haben sie denn?
Chidima
Keine.
Olga
Was keine? Sterne funkeln, sie sind gelb, rosa, sie glitzern in allen Farben.
Chidima
Meine sind schwarz.
Pause
Olga
Chidima, ich glaube, es ist besser, wenn wir ein ander Mal miteinander sprechen, später. Ich weiss, dass du eine gescheite Frau bist und lass mich nicht gern auf den Arm nehmen. - Hast du mich verstanden?
Chidima
Ich zähle dann.
Black out.

Einkäufe
Die Eltern und ihre beiden Buben haben eingekauft. Im Ausland.
Mutter
Back-Ziegenkäsetaler; «Einfach asiatisch» 7 Länder in einem Buch; 3 Tube Körpercreme, Aroma Handpeeling, modellierend; 4 Pack Tena Lady Mini Plus für alli Fäll; e Badzimmerwaag, Glas Diagnose …
Bueb (gleichzeitig)
Schokolierte Früchte; 3 Peanuts Schreibset 7-teilig mit emene Schärli, emene Gummi, Massstab, Spitzer, drü Stift; und da: Cartronic, Rennbahn „Monza“; drü Pack Gummifrösch …
Buebeli (gleichzeitig)
Baby Burn Spielset; Lego Kingdom; de Indian Chief uf sim Töff; Christbaumschmuck; Papiernastüecher; Aua Gel …
Vater (gleichzeitig)
3 Hämper, bügelfrei; en digitale Bildrahme, super slim; en Aktevernichter; 4 Duschdas for Men; „Felix“ Chatzefueter; no meh Chatzefueter …
Mutter
Das langet emel ä wieder für es Wiili.
Vater
100 Rolle Schiessipapier.
Die Tochter kommt aus dem Badezimmer und mustert die vielen Tüten. Alle nehmen eine aggressive Verteidigungshaltung ein. Die Tochter schnappt sich die Nordic Walking Stöcke der Mutter und marschiert triumphierend ins Bad zurück.
Mutter
Mini Stöck! Lass mer mini Stöck da, das sind mini! – Jetzt hät die mir mini d’ Stöck weggenoh. Zum Vater. Und du luegsch eifach zue, wie mir da bestohle wärded. - Si gaht ja gar nöd go wandere. 22 Franke, 22, under 50 finsch bi euis nüt. Was wott jetzt die mit dene Stöck?
Vater
Jetzt gib emal Rue.
Mutter
Ich säg ja gar nüt. 22 Franke. Werum zahled mir für s’ Gliichlig meh als s’ Dopplet? Cha mir das emal eine säge? Werum. Werum zahled mir für alles meh als änet de Gränze?
Vater
Will’s däne nüt verdiened, darum.
Mutter
Äch was, sonen Blödsinn.
Vater
Wänn du gahsch go butze … Was zahlt dr Gigax? 30 Franke!
Mutter
27!
Vater
Ebe. – Im Tütsche chämtisch 10 Euro über. Aber wichtig isch, was du mit dine 30 und e Tütschi mit ihrne 10 cha chaufe. D’ Kaufchraft, weisch, d’ Kaufchraft, das isch, was zellt. Wännd plötzli für s’ gliich Gält drü Mal meh überchunsch. – Am Beschte gaht mr immer det go poschte, wo’s nüt händ.
Mutter
Z’Tütschland! Was, werum?
Vater
Will’s billiger isch. Herrgottnamal, isch das jetzt so schwär. Wännd d’ Löh dunne sind, müends mit de Priise abe. Das isch volkswirtschaftliche Notwehr. Die bestimmt s’ Bruttosozialprodukt.
Bueb
Hämmir das au?
Vater
Natürlich hämmir das au, all händ das.
Bueb
Aber kauft hämmers nöd.
Vater
Das chame nöd chaufe, das hät me.
Die Tochter kommt aus dem Badezimmer, alle nehmen eine aggressive Verteidigungshaltung ein. Die Tochter klaut dem Vater eine Schachtel mit Dosenkatzenfutter.
Vater
Spinsch! Bring mer sofort die Büchse zrugg. – E blöds Huhn, was wott jetzt die mit dene Büchse?
Mutter
Chatzefueter! - Was wotsch dänn du mit Chatzefueter?
Bueb
Womir gar kei Chatz händ.
Vater
Will’s es Gschäft isch. – Wänn öppis so billig isch. 47 Cent! Wänni no Platz gha hett, hetti 1000 kauft. Aber ihr, ihr … En Wohnmantel, Schneemanne zum ufblase. Luuter Blödsinn. Weisch wie di Tütsche sich de Ranze volle lached, wänns gsehnd, was mir da für en Schrott abschlepped.
Mutter
Aber bi dim Chatzefueter, da, oieuieui, da macheds dänn schön blödi Gsichter.
Vater
Genau. Wär echli öppis vom Märt verstaht, weiss, was i mein. – Wä mir das Chatzefueter us em Usland jetzt da im eigete Land händ, stiigt euises Bruttosolzialprodukt. Will das en Wert hät, wo bliibt.
Bueb
Chatzefueter?
Vater
Ja genau.
Bueb
Bis am 18. 8. 2013.
Vater
Was söll jetzt das wieder?
Bueb
Das isch s’ Verfallsdatum. Nachär sind die Büchse nüt meh wert.
Vater
Chabis. Hüt ghöreds euis, und wä mir’s hüt zu Schwiizer Märtpriise verchaufed, dänn ghört de Gwünn au euis und euise Wohlstand stiigt. Mir verdiened am Usland. – Chunsch nöd drus, gäll? Dänn frög emal i dinere Klass, wer es Büsi heig? Und dänn verchaufsch dene das Chatzefueter für en Franke füfzg. Und bisch ersch no billiger als d’ Migro. Us emene Feuflieber machsch 15 Franke, und im Usland sind’s froh, dass ihri War ab sind. Und mit dene 10 Franke, wo d’ verdient häsch, chaufsch dr öppis Aständigs. Wertschöpfig, verstahsch? So musme gschäfte …
Mutter
Wotsch en lehre z’ bschiisse?
Die Tochter kommt aus dem Badezimmer, alle nehmen eine aggressive Verteidigungshaltung ein und erstarren. Black out.

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