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Seitenwechsel
Theaterstück in 12 Bildern

[ Stück ] [ Uraufführung ] [ Kritik ]

Marion Steiger hat alles im Griff. Haushalt, zwei Kinder nebst Ehemann, sowie ihre gleichermassen verantwortungsvolle und gut dotierte Stellung in der Bank. Die nächste Stufe auf der Karrierleiter ist bereits in Trittnähe gerückt. Doch zuvor gilt es noch den "Seitenwechsel" zu absolvieren, ein Weiterbildungsprogramm von Marions Arbeitgeber. Eine Woche lang wird sie die Seiten wechseln, um soziale Kompetenz in einer anderen Lebens- und Arbeitswelt zu erlernen. Marion macht sich auf den Weg ins Hospiz und Obdachlosenhaus "Birkenhof". Tolerant, vorbereitet und nur ein kleines bisschen verunsichert. Doch ihre Ängste machen ihr mehr zu schaffen, als sie ahnt. Und einfach machen es ihr  Heimleiter Diego und die Heimbewohner auch nicht gerade. Der junge Leo, dem in seiner Verwahrlosung manch schönes Gedicht aus der Feder fliesst, die ehemalige Drogenabhängige Andrea mit ihrer nahezu beängstigeden Harmoniesucht, der aidskranke Sandro und Louis, dessen Leben eine ganze Weile gar nicht so viel anders als das von Marion verlief ...

Das Stück kann beim Autor als Datei bestellt werden.


Szenenausschnitt
...
Die Tür geht auf, Andrea kommt herein, sie schaut dem Spiel von Leo zu.
Andrea
Sie darf eh nichts geben. Was Diego gesagt hat.
Marion erschrickt leicht, weil sie Andrea nicht kommen hörte. Sie geht auf Andrea zu und gibt ihr die Hand.
Marion
Ich bin Marion.
Leo
Ach du. - Hast du das Heft?
Andrea nickt.
Leo
Gelesen?
Andrea nickt.
Leo
Und? Was sagst du dazu?
Leo setzt sich wieder hinter den Tisch, Andrea setzt sich zu ihm. Sie gibt ihm ein Notizheft, das er vor sich auf den Tisch legt.
Leo
Gefallen sie dir?
Andrea
Wie meinst du das?
Leo
Die Gedichte?
Andrea gähnt.
Andrea
Erst, so ziemlich, aber dann. (nickt anerkennend) Du musst sie mir noch einmal vorlesen. Zum Beispiel das da da.
Leo
Finger weg!
Andrea
Hey Mann.
Pause, die beiden schauen zu, wie Marion arbeitet.
Andrea
Ich wollte dich noch etwas fragen.
Marion
Ja, bitte?
Andrea
Marion? Ist das dein richtiger Name?
Marion
Ja, warum?
Andrea
Nur so, weil sie weg ist, seit heute Morgen. - Er nennt mich Giulia.
Marion
Ach so. - Und wie heisst du wirklich?
Andrea
Andreascheiss. - Giulia ist besser. (sie schmiegt sich an Leo) Romeo und Giulietta.
Marion (mit Blick auf Leo)
Ich glaube, die Geschichte hatten wir schon.
Andrea
Hm? - Was meint sie?
Leo liest eines seiner Gedichte aus dem Notizheft vor.
Leo
Im Wasser nah dem Ufer schaukelt ein Boot. Schwämm's draussen auf dem See, wär's eine Wiege bloss. Doch jetzt: Wer löst das Tau? So! heißt's: der Tod.
Pause
Andrea
Es ist ein Gedicht, verstehst du, weil er es lesen kann. Erst die Betonung macht, dass etwas ein Gedicht ist.
Pause
Marion
Und wo hast du's gelernt?
Leo
Was?
Marion
Woher weißt du, was ein Gedicht ist?
Die beiden kichern, als hätte Marion etwas Dummes gesagt.
Leo
Wer über den See schwimmt, braucht nicht «Grüß dich Gott» zu sagen.
Die beiden lachen. Marion zieht die Brauen hoch.
Marion
Es steht ein Pferd auf einen Floh, nun lachen beide und sind froh.
Marion lacht, Leo und Andrea schweigen.
Andrea
Das war aber jetzt sehr ... Sehr ungeschickt. - War es doch, oder?
Leo
Voll daneben. - Ich glaube, dass da jemand noch eine ganze Menge lernen muss.
Marion
Ich wollte Dich nicht verletzen. Bestimmt nicht. - Was Du gelesen hast, finde ich interessant. - Ehrlich. - Und weißt du, irgendwie passt es auch besser zu dir als das Theater vorhin.
Andrea
Interessant! Theater. Hast du das gehört? Interessant findet sie das. - Das ist Kunst ist das. Schon wie er's aufgeschrieben hat. Wenn Du's nicht hören kannst, musst du dir's vielleicht einmal anschauen
Leo
Lass gut sein, lass! Ein kleiner Test. Ein Versuchsballon. - Meine besten Zeilen waren es nicht.
Marion, die nach wie vor als einzige arbeitet, unterbricht ihrer Arbeit.
Marion
Ein Test? - Ich verstehe. Ich bin ich hier auf dem Prüfstand. - Ich glaube kaum, dass ihr die Lage richtig einschätzt. Und dass ich hier das ganze Mittagessen alleine mache ...
Andrea
Wo sie recht hat, hat sie recht. - Prüfen ist Scheiße.
Leo
Das hier, gute Frau, ist keine Schule. Nur so, von wegen Lage einschätzen und Kartoffeln schälen. - Ich denke, was ich will. Sie denkt, was sie will. Jeder hier denkt, was er will. Weil das ein freies Haus ist, ja! Kein Gefängnis und keine Schule. Nur damit das klar ist.
Marion
Aye Aye Sir. Taue kappen und abheben.
....

Das Stück war eine Auftragsarbeit des Theaters Niedersachsen Nord, es kann beim Autor als Datei bestellt werden. Die Aufführungsrechte liegen beim Autor.

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