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WIENER WALZER
Mord im Euronight 467


Textprobe
«Ich brauche Ihre Hilfe», flüsterte sie. «Sie sind Detektiv. – Ich kann es mir gar nicht leisten, Ihnen nicht zu glauben. Ich sterbe vor Angst. – Jemand will mich umbringen.»
Er reagierte überhaupt nicht, schaute ihr in die Augen, zwischen zwei Lidschlägen in den Ausschnitt. Er war auf der Hut.
«Seit Wochen bekomme ich Drohbriefe.»
Er wusste nicht, was er davon halten sollte. Sie sah es ihm an.
«Heute, heute Nacht, da soll es geschehen … Sie sind Detektiv, Sie müssen mir helfen.»
Er schaute immer noch, als ob die Antwort auf ihrer Stirn zu lesen wäre. Dieser Blick, dann sagte er endlich:
«Ich glaube kaum, dass ich der richtige Mann bin.»
«Ich bezahle Sie.»
«Das meine ich nicht. Ich habe schon lange keine Lizenz mehr. Selbst wenn ich wollte, darf ich nicht für Sie arbeiten.»
Er schwieg, starrte vor sich auf den Boden, die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Mein Gott, was für ein Arschloch. Sie stand auf. Wenn sie noch länger in der Hocke kauerte, schliefen ihr die Beine ein. Am liebsten würde sie den Typen wieder rausschmeißen. Gleich würde er den Hund zu sich locken, damit seine Hände eine Beschäftigung fänden.
«Ich bin Ihnen gerne behilflich. So gut ich kann, aber nicht als Detektiv – Ich habe zehn Jahre in Afrika gelebt und weiß nicht, ob ich als Spürnase noch zu gebrauchen bin.» Er hob den Kopf und grinste, ein verschmitztes und irgendwie verschwörerisches Lächeln, das sie irritierte.
«Doch, doch», sagte sie schnell. «Es ist ja nur für eine Nacht.» Mist, das war nicht gut. Er schielte auch schon wieder. Sie hätte ihm das alles schon im Speisewagen sagen sollen. Ohne den faden Beigeschmack einer Erotik, als ob sie in einem Lift stecken geblieben wären. Ach was, es kam doch schon gar nicht mehr darauf an. «Ich habe Angst.»
Er nickte. Der Hund hockte vor ihm und wedelte mit dem Schwanz.
«Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen.»
Oh Gott!
«Solange ich hier bin, können Sie ja einigermaßen sicher sein. – Das stimmt doch, oder?»
Sie wusste überhaupt nicht mehr, was sie sagen sollte.
«Am besten setzen Sie sich hin und erzählen mir einmal der Reihe nach, was Sie wissen. Wann und wie alles angefangen hat und warum Sie glauben, dass diese Nacht so gefährlich für Sie wird», spielte er den braven Onkel. «Es gibt bessere Örtlichkeiten als einen Zug, um jemanden umzubringen.»
Sie nickte und ärgerte sich. Warum nickte sie, als ob sie einverstanden wäre und wusste doch, dass er sie nur beruhigen wollte.
«Ihr Mörder muss Sie kennen. Gut kennen. Umso mehr muss er befürchten, von Ihnen erkannt zu werden. – Dass jemand, der Ihnen Angst macht, gleich einen Killer auf Sie ansetzt, glaube ich nicht. Ein Schlafwagen ist dafür ein denkbar schlechter Ort …»
«Sie halten mich für verrückt, denken ich spinne.»
«Nein. – Ich kann mir vorstellen, dass Sie Feinde haben.»
Wollte er sie beleidigen? Warum konnte er sich vorstellen, dass sie Feinde hat? Er weiß nicht, wer sie ist. Ein Banause, Hinterwäldler, dachte sie. Einer, der aus dem Urwald kommt und sich nun als Feigling entpuppt, einer, der gerade mal weiß, wie man mit einem Hund umgeht.
«Ich habe sie doch nicht beleidigt?» Er schaute ihr voll ins Gesicht und schob doch tatsächlich den Hund beiseite. «Heißt er da wirklich Busoni?»
«Ja. Stört Sie das?»
«Nun ja, der Name eines italienischen Komponisten.»
Busoni? Sie hatte geglaubt, es sei ein Markenname für Suppen und Saucen, wie Knorr oder Maggi. Auch egal. Hieß er eben nach einem Komponisten.
«Ich kenne eine Katze, die Mozart heißt», sagte sie bissiger als beabsichtigt.

Der Zug schoss in den Arlbergtunnel. Die Druckveränderung schlug gegen das Wagenfenster und die Fahrgeräusche des Zuges verstärkten sich. Eigentlich der ideale Moment für einen Mord, kein Hilfeschrei könnte das dumpfe Dröhnen übertönen. Und alle Zeit der Welt. Die Durchfahrt würde mehrere Minuten dauern. Niemand würde den Mord oder die Flucht des Mörders hören. Schreie, Schritte, Türschlagen, alles würde im Lärm des Zuges untergehen. Sie stand auf und riss den oberen Einbauschrank auf, zog ihre Mappe hervor, wühlte und kramte darin herum, bis sie die Briefe zu fassen bekam und schleuderte den ganzen Packen aufs Bett. «Da!», schrie sie und zeigte auf den Brief. «Da, der da! Der Hund jaulte auf seinem Platz hinter der Tür, dann kam er aus seiner Ecke und steckte den Kopf zwischen die Beine ihres Besuchers. Wenn er sich jetzt um den Köter kümmert … Doch er tätschelte nur dessen Kopf, griff nach dem Brief, faltete ihn auseinander, starrte auf den hässlichen Satz und schloss die Augen. Ja und? War das alles, was ihm dazu einfiel? Sah er denn nicht, wie sie zitterte? Wie sie die Angst würgte? Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Am liebsten hätte sie sich einfach übers Bett in den Schoss des Mannes geworfen und losgeheult. Doch sie ist keine hysterische Heulsuse. Aber seine geschlossenen Augen waren eine Gemeinheit. Er soll verschwinden, nein, dableiben, den Arm um sie legen und mit ihr auf den Morgen warten. Gott sei Dank fasste er sie nicht an. Aber wenn er aufstehen und abhauen wollte, würde sie ihn zu sich nieder ziehen. Sie müsste, weil sie sonst sterben würde. Wenn er ein halbwegs anständiger Kerl wäre, so würde er das Maul aufmachen und sie trösten, aber er hockte da und schwieg, ihren Hund zu seinen Füssen. Der Zug schnellte aus dem Tunnel.

Das Fenster knackte. Er öffnete die Augen, schaute sich den Zettel noch einmal an, faltete das Papier zusammen und legte es zurück. «Den Tunnel haben wir schon einmal hinter uns», sagte er, ohne sich nach ihr umzudrehen, und als spräche er mit ihrem Hund. «Wenn wir die Drohung ernst nehmen, und das müssen wir, sind wir im Vorteil. Es ist gut, dass Sie mich zu sich gebeten haben. – Wer immer versucht, Sie umzubringen, muss sich für diese Tat einen sorgfältig vorbereiteten Plan ausgearbeitet haben. – Seit wann haben Sie den Hund?»
«Seit ein paar Tagen», flüsterte sie. «Es ist das erste Mal, dass ich und Busoni zusammen nach Wien fahren.»
«Aha. Wer weiß davon? – Was glauben Sie? Haben Sie eine Vermutung, wer der Mörder sein könnte. Ein Mann, eine Frau, jemand, der einmal in ihrer Sendung war, aus ihrem Bekanntenkreis, ein Arbeitskollege? Sie müssen sich das gefragt haben. – Wann haben Sie den ersten Brief dieser Art bekommen?»
Das hatte die Polizei sie auch gefragt. Sie wusste es nicht. Das war es ja, was ihr solche Angst machte, sie hatte keine Ahnung. Hätte sie einen Verdacht gehabt, man wäre der Sache nachgegangen. Aber so.
«Sie haben recht», sagte er, «zu wissen brauche ich das nicht. – Versetzen wir uns einmal in die Lage des Täters. Er dürfte mittlerweile einigermaßen verwirrt sein. Der Hund. Ein Unbekannter in ihrem Abteil. – Vorausgesetzt er hat überhaupt die Möglichkeit, Sie zu beobachten und plant, Sie in Ihrem Abteil umzubringen. – Sie aus dem fahrenden Zug zu werfen, dürfte freilich schwieriger sein. Man könnte Sie vergiften, Ihnen durch den Schaffner etwas bringen lassen. Oder man könnte die Snacks, die man uns zur Begrüßung aufgetischt hat, präpariert haben, den Apfel zum Beispiel. Ein Schneewittchenmord.»
Wahrscheinlich erwartete er, dass sie in Gelächter ausbrechen und seinen Einfällen Beifall spenden würde. Ein Idiot. Doch er war mit seinem Detektivspiel noch nicht am Ende.
«Ich würde versuchen, Sie in Ihrem Abteil zu töten», fantasierte er. «Woher weiß ich, welches Ihr Abteil ist? Wie komme ich unbemerkt hinein? Wenn Sie auf die Toilette gehen? Wenn Sie schlafen und alles ruhig ist. Ich muss Schlüssel haben. Vor allem muss ich Sie beobachten, dieses Abteil überwachen können. Ich muss Sie im Schlaf überraschen, und ich muss wieder hinaus, und den Zug verlassen können …»
«Vielen Dank, Sie können einen wirklich beruhigen», unterbrach sie ihn empört. Was bezweckte er mit seinem Geschwätz? Es ging doch nur darum, sie vor einem Mord zu bewahren. Ihr Urwaldheld sollte sich einfach vor die Tür stellen und brummen. Ein Baloo. Nun beugte er sich vor und fingerte die Unterseite des Waschbeckens ab, er untersuchte den Rahmen des Fensters, griff hinter die Jalousie, stand auf und stellte sich vor die schmale Schrankwand.
«Darf ich?»
Ohne ihre Antwort abzuwarten, öffnete er Türen und riss Schubladen heraus, fuhr mit der Hand Kanten entlang oder tastete Rückwände ab.
«Suchen Sie Wanzen?», fragte sie pikiert und zog die Beine hoch. «Vielleicht kriechen Sie unters Bett?» Er schaute tatsächlich auch dort nach und wühlte im zusammengeklappten oberen Bett herum. Sein konzentriertes, fast finsteres Gesicht amüsierte sie. Er presste die Lippen aufeinander, und wenn er sich, wie eine verrenkte Gliederpuppe und keuchend, zwischen Hund und Bett und über ihr seinem Tastsinn überließ, schloss er die Augen. Ein Verrückter. Sie hatte ihn doch nicht gebeten, ihr Abteil auf den Kopf zu stellen. Selbst Busoni, der erst glaubte, er müsse ebenfalls aufstehen und aufgeregt den Boden abschnüffeln, legte sich wieder hin. Dann wischte er sich die Hände an ihrer Bettdecke ab und sagte:
«Nichts! Der Kerl muss sich ja verdammt sicher fühlen. Auf jeden Fall scheint er Bescheid zu wissen. – Fahren Sie eigentlich immer mit diesem Zug und immer im Schlafwagen?»
«Ja, und immer in diesem Abteil. Es liegt in der Mitte des Wagens und besitzt einen eigenen Aufgang. Ich lasse es mir immer gleich wieder reservieren …»
«Wer weiß das?»
«Niemand, außer … Die Leute von der Bahn natürlich, der Schaffner. – Sie sind ja verrückt.»
«Das werden wir gleich sehen. – Ich werde jetzt hinausgehen. Sie verschließen die Tür. Die Drehsperre verriegeln sie nicht. Einen Schlüssel, wie ihn der Schaffner hat, kann sich jeder besorgen. Es geht um die Schließstange. Ich werde Sie anschleichen und versuchen, die Tür zu öffnen, als wäre ich Ihr Mörder. – Behalten Sie den Hund im Auge.»

Sein Ernst war irgendwie drollig. Trotzdem, das mit dem Mörder hätte er besser nicht gesagt. Nicht dass sie plötzlich glauben würde, er selbst, nein, das konnte sie sich nun wirklich nicht vorstellen. So täuscht sich keine Frau. Aber wenn der Mörder nur darauf wartete, dass ihr Schorschi sich in eine Toilette zerren und ausschalten ließ? Sie hätten besser ein Zeichen verabredet. Dass er dreimal an die Tür klopft, oder sich räuspert. Wenn sie wenigstens eine Waffe gehabt hätte, einen Pfefferspray. Aber das Einzige, was ihr in die Hand kam, war ein kantiges Parfümfläschchen. Ein unbrauchbares Werkzeug, um einen Gegner auszuschalten. Obwohl, so schwach, wie man vielleicht glaubte, war sie nicht. Sie ging ins Krafttraining. Regelmäßig. Seit einem Jahr lernte sie die Kampfformen des Tai Chi.
Busoni schnellte auf und ging zur Tür. Hörte er etwas? Sie selbst hörte gar nichts, nur das Rauschen des Zuges. Oder die Klimaanlage. Der Hund stellte die Ohren, winselte und knurrte. Dann drehte sich der Knauf des Schlosses, langsam und geräuschlos. Sie starrte auf den Knopf und hielt den Atem an. Jetzt knickte die Türe ein, jetzt wurde sie Millimeter um Millimeter aufgeschoben. Der Hund fixierte den Türspalt. Zu knurren vergaß er schon wieder.
Dann arretierte der Riegel. Der Hund steckte seine Schnauze durch den etwa handbreiten Spalt und wedelte mit dem Schwanz. Eine Hand schob sich ins Abteil, Finger griffen nach der Schließstange, versuchten, sie aus dem Gegenstück zu stoßen, drückten, pressten, rüttelten. Ohne Erfolg. Die Hand zog sich zurück und die Tür wurde wieder geschlossen.
Doch dann, vollkommen unerwartet, fiel die Schließstange aus der Halterung. Einfach so. Nutzlos baumelte sie neben dem Türrahmen, und mit einem Stoss flog die Türe auf.
Sie stieß einen entsetzten Schrei aus. Doch schon wurde sie herumgewirbelt, und eine Hand erstickte ihren Aufschrei. Sie wollte beißen, brachte aber den Mund nicht mehr auf.
«Beruhigen Sie sich doch, ich bin es. Herrgott noch mal, ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich versuchen werde … Still jetzt!»
Schorschi. Das wird er büßen, Schorschi inszeniert einen Überfall, demonstriert seine Überlegenheit. Die Sicherheit der Türe wollte er überprüfen, stattdessen erschreckte er sie zu Tode.
Sie versuchte ihn zu treten, ihm auf die Füße zu stehen, aber er hatte sie mit dem Rücken zu sich gedreht und umklammerte sie, sie war ihm vollkommen ausgeliefert. Nun begann sie auch noch zu zittern, gleich würden ihr die Knie wegsacken. Der verdammte Scheißkerl.
Er drehte sie um und drückte sie aufs Bett. Sie warf ihm einen wütenden Blick zu. Dann musste sie die Augen schließen und sich festhalten. Das Abteil wirbelte im Kreis herum, ein Gefühl, als würde sie in einen alles zermalmenden Schlund gesogen. Er packte sie bei den Schultern und hielt sie fest. Die Kraft seiner Umklammerung, ihr Kopf, ihr Atem, das Herz. Auf dem Boden der blöde Hund. Der schlingernde Wagen. Die Lichter eines Bahnhofs, die wie Blitze zwischen Jalousie und Fensterrahmen flackerten und im Halbkreis durchs Abteil jagten. Gleich würde sie sich übergeben. Da spürte sie den Plastikbecher an ihrem Mund und trank.
«Um Gottes Willen, ich wollte Sie nicht erschrecken.»
Sie schwieg und umklammerte den Plastikbecher.
«Immerhin wissen wir jetzt, dass der Sicherheitsriegel nichts taugt. Entweder die gesamte Vorrichtung, was ich nicht glaube, oder irgendjemand hat sich daran zu schaffen gemacht.»
Er ließ sie los, ging zur Tür und untersuchte die Schließstange. Dann wühlte er in seinen Hosentaschen, klappte ein Taschenmesser auseinander und stocherte damit in der Halterung herum. Er zog einen Kartonstreifen hervor, grunzte befriedigt und werkelte erneut am Halter. Schließlich drückte er die Schließstange in ihr Gegenstück, öffnete die Tür, schob sie bis zur Arretierung und zurück, rüttelte, drückte; die Schließstange bekam er nicht mehr frei. Die Halterung fuhr allen Bewegungen der Türe hinterher und diese blieb gesichert. Er drehte sich zu ihr um und hielt ihr den Kartonstreifen vors Gesicht.
Klasse Schorsch», zischte sie.
Er schaute blöde, zumindest irritiert, um gleich wieder Detektiv zu spielen. «Damit hat jemand die Türverriegelung manipuliert. – Den Kartonstreifen habe ich hinter dem Halter für die Stange gefunden. Er hat eine Feder lahmgelegt, die dafür verantwortlich ist, dass die Schließstange nicht aus ihrem Gegenstück fallen kann. – Wir können also davon ausgehen, dass tatsächlich jemand beabsichtigte, in Ihr Abteil einzubrechen.»
«Na toll, auf die Idee wäre ich ja nie gekommen.»
«Die Sicherheitssperre ist soweit wieder in Ordnung. So gesehen, haben wir die Pläne eines möglichen Täters durchkreuzt. Trotzdem schlage ich vor, dass ich die Nacht bei Ihnen verbringe …»
«Das könnte dir so passen», fuhr sie ihn an.
«Auf der zweiten Liege.»
«Jetzt hab' ich aber genug. Raus! Raus hier, oder ich rufe den Schaffner.»
Er schaute sie entsetzt an, schüttelte ungläubig den Kopf und zog ab. Fluchtartig. Ein richtiger Feigling.

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Buchcover Wiener Walzer
WIENER WALZER
Limmat Verlag 2003

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